Gelebtes Brauchtum –
unsere Traditionen und Begriffe


Ein Blick hinter die Kulissen der Bruderschaft. Wanderschaft ist weit mehr als nur das Reisen von Ort zu Ort. Es ist eine Lebensweise mit eigenen Regeln, Riten und einer Sprache, die seit Jahrhunderten von Geselle zu Geselle weitergegeben wird.

Während unsere „Heimlichkeiten“ nur innerhalb der Bruderschaft auf dem Handwerkssaal besprochen werden , gibt es viele gesellige Bräuche, die du auf den Herbergen und Gesellenabenden miterleben kannst. Hier erklären wir dir die wichtigsten Begriffe, damit du weißt, was uns rechtschaffene Gesellen verbindet.

Kluft & Ehrbarkeit

Die Kluft ist das bekannteste Markenzeichen der Wandergesellen. Sie besteht aus Hose, Weste, Jackett und einem schwarzen Hut. Als rechtschaffene fremde Maurer und Steinhauer tragen wir dazu die „Ehrbarkeit“ – eine spezielle schwarze Krawatte, die nur unserer Gesellschaft vorbehalten ist. Die Kluft wird während der gesamten drei Jahre und einen Tag getragen und ist weit mehr als nur Arbeitskleidung: Sie ist Ausdruck unserer Identität und unseres Stolzes.

Verzierungen, wie Orden und Abzeichen, sowie überzählige Knöpfe sind nicht gestattet. Die Kluft sollte sich stets in einem sauberen und ordentlichen Zustand befinden.

Im Detail besteht die Kluft aus:

Die Schlaghose
Ein markantes Merkmal. Der weite Schlag (unten meist 65 cm oder mehr) sorgt dafür, dass kein Dreck oder Späne in die Schuhe fallen. Die Hose hat oft zwei Reißverschlüsse und ist extrem belastbar.

Staude
Ein kragenloses, weißes Hemd, das unter der Weste getragen wird. Es verleiht dem Gesellen bei festlichen Anlässen oder beim Vorsprechen ein ordentliches Erscheinungsbild.

Die Ehrbarkeit
Für uns Maurer und Steinhauer ist dies die schwarze „Ansteck-Krawatte“ oder Schleife. Sie ist das sichtbare Zeichen, dass der Geselle nach den Regeln der Gesellschaft reist und sich ehrlich verhält.

Uhrkette
(mit Wappen)
An der Hose wird oft eine Kette getragen, an der die Wappen der Städte hängen, in denen der Geselle gearbeitet hat.

Der Ohrring
Traditionell tragen viele Gesellen einen goldenen Ohrring im linken Ohr, oft mit dem Zunftwappen. Früher diente er als finanzielle Absicherung für ein christliches Begräbnis, falls der Geselle in der Fremde verstarb.

Weste & Jacke
Die Weste mit ihren 8 Knöpfen steht für den Achtstundentag, während das Jackett (Jocko) mit 6 Knöpfen die 6 Arbeitstage der Woche symbolisiert. Gefertigt sind sie aus robustem Cord oder Deutschleder.

Der Stenz

Der Stenz ist ein Wanderstock mit einem natürlich gedrehten Wuchs. Er ist ein unverzichtbares Ausstattungsstück, das wir uns zu Beginn der Reisezeit selbst im Wald suchen.

Früher diente er auch als Ersatz für eine Waffe. Ein echter Stenz kommt niemals aus dem Katalog – er ist ein Unikat, das dich auf jedem Kilometer deines Weges begleitet.

Der Charlottenburger: Das Bündel Freiheit

Da wir nur das Nötigste mit uns führen, tragen wir unser Hab und Gut in einem speziellen Tuch, dem „Charlottenburger“ oder kurz „Charlie“.

Den Charlie zünftig zu packen und mit einem Riemen über der Schulter zu tragen, ist eine Kunst für sich, die man erst erlernen muss. Er ist unser mobiles Zuhause und das Symbol für die Einfachheit des Reisens.


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Das Wanderbuch

Das Wanderbuch ist das wichtigste Dokument eines fremden Gesellen. Darin werden nicht nur Arbeitszeugnisse gesammelt, sondern auch die Siegel der Städte, durch die du gereist bist. Um ein solches Siegel zu erhalten, sprichst du auf zünftige Weise beim Bürgermeister vor. Am Ende deiner Reise ist dieses Buch ein unersetzliches Erinnerungsstück an deine Wanderjahre.

Schallern & Klatschen

Wenn wir am Gesellentisch zusammenkommen und Lieder singen, nennen wir das „Schallern“. Dabei geht es weniger um perfekten Chorgesang als vielmehr um die Gemeinschaft. Begleitet wird das Ganze oft vom „Klatschen“ – einem rhythmischen Spiel mit den Händen gegen einen Partner, das den Gesellenabend erst so richtig beflügelt.

Fassschmoren

Zu besonderen Anlässen wird zum „Fattschmoren“ (oder Fassschmoren) geladen. Dabei wird ein Fass Bier in einer spaßig-strengen Zeremonie geleert. Unter der Leitung eines „Fassgesellen“ gelten dabei feste Regeln und Strafen für kleine Verstöße, während Anekdoten erzählt und Lieder geschallert werden.

Rundschnack

Der Rundschnack ist ein rituelles Zwiegespräch am Gesellentisch, das meist auf Plattdeutsch geführt wird. Während ein Stiefel Bier die Runde macht, tauschen zwei Gesellen festgelegte Sprüche aus. Nur an genau definierten Stellen darf getrunken oder muss das Gefäß weitergereicht werden – wer den Rhythmus bricht, muss für Nachschub sorgen.

Schmalmachen

Unter dem „Schmalmachen“ versteht man das zünftige Vorsprechen bei Meistern (Krautern), Innungen, Handwerkskammern oder auch in Betrieben wie Schlachtereien und Bäckereien. Ziel ist es, nach einer kleinen Reiseunterstützung, einer Wegzehr, einem Labetrunk oder einem kostenlosen Nachtquartier zu fragen. Dabei nutzen wir verschiedene überlieferte Sprüche, die je nach Umstand und Gegenüber variieren, um unsere Bitte auf ehrbare und zünftige Weise vorzubringen.

Das Trudeln

Was früher als ernsthafte Gesellenstrafe galt, ist heute ein fester Bestandteil unserer geselligen Runden. Auf einem stabilen Tisch wird der „Sünder“ von den Trudelknechten rücklings auf eine zwölfkantige Holzwalze – die Trudel – bugsiert. Während die Runde zünftige Lieder schallert, wird der Geselle im Takt auf der Walze hin und her geschoben, um kleine Verfehlungen „abzubüßen“. Besonders zünftig wird es, wenn die Herbergsschwester als zusätzliches Gewicht das Kreuz beschwert oder wenn beim „Kantholz machen“ die Rollen getauscht werden.

Der Gänsemarsch: Zünftiger Abgang

Der Gänsemarsch ist eine traditionelle Art, als Gruppe einen Ort zu verlassen oder eine Zeremonie zu beenden. Dabei ziehen die Gesellen in einer Reihe hintereinander her, oft begleitet von Gesang oder rhythmischem Klatschen. Es ist ein stolzes, weithin sichtbares Zeichen dafür, dass die Bruderschaft gemeinsam weiterzieht.