
Was hat es mit der Tippelei auf sich?
Wanderschaft, oder zünftig „Tippelei“ genannt, ist die jahrhundertealte Tradition, nach der Lehrzeit für mindestens drei Jahre und einen Tag in die Fremde zu ziehen. In dieser Zeit trägst du stolz deine Kluft und darfst deiner Heimat auf 50 Kilometer nicht näherkommen. Es ist kein Urlaub, sondern hartes Handwerk: Du reist von Ort zu Ort, arbeitest bei verschiedenen Meistern und sammelst Stadtsiegel in deinem Wanderbuch – deinem wichtigsten Dokument. Als „rechtschaffen fremder Geselle“ wirst du Teil einer starken Bruderschaft, die ihre eigenen Bräuche und Regeln pflegt. Dabei geht es nicht nur darum, neue Arbeitstechniken zu lernen, sondern als Botschafter deines Handwerks die Welt zu erkunden und Freiheit zu erleben.

Warum heute noch auf Wanderschaft?
Abenteuerlust, Neugier und das echte Handwerk.
Die Frage nach dem „Warum“ stellt sich jeder, der über die Tippelei nachdenkt. Klar, es geht um die pure Lust am Abenteuer, aber Wanderschaft ist mehr als nur Reisen. Nach deiner Ausbildung fängt das Lernen eigentlich erst richtig an: Du verfeinerst deine Kunst in völlig neuen Umgebungen, setzt dein Können selbstbewusst ein und lernst Arbeitsweisen kennen, die dir kein Betrieb zu Hause zeigen kann. Aber die wichtigste Erfahrung findet im Kopf statt: Du gewinnst eine Menschenkenntnis und ein Selbstvertrauen, das dir niemand mehr nehmen kann. Drei Jahre und ein Tag sind eine Investition in dich selbst – eine Lebensschule, die dich handwerklich und menschlich für deinen gesamten weiteren Weg prägt.
Tradition, die lebt: Schallern, Klatschen und Ehrbarkeit
Tradition ist für uns kein Museum, sondern gelebtes Handwerk. Wer uns auf der Straße sieht, erkennt uns sofort an unserer Kluft – dem ehrbaren Gewand aus schwarzem Cord oder Deutschleder, dem Schlapphut und dem Stenz, unserem Wanderstab. Doch zur Wanderschaft gehört noch viel mehr als nur das Äußere. Wir pflegen eine eigene Sprache und Riten, die seit Jahrhunderten von Geselle zu Geselle weitergegeben werden. Dazu gehört das „Schallern“ , das „Klatschen“ und das „Trudeln“. Dein ganzes Hab und Gut trägst du im „Charlottenburger“ – einem speziellen Tuch, das kunstvoll zu einem Bündel geschnürt wird. Diese Bräuche sind das Band, das uns rechtschaffene Gesellen weltweit verbindet und uns auf jeder Herberge ein Stück Heimat gibt.




Dein Start in die Fremde – Wie du rechtschaffen fremder Geselle wirst
Der erste Schritt auf die Straße. Du spielst mit dem Gedanken, loszuziehen? Der Weg zum rechtschaffenen fremden Gesellen beginnt immer mit deiner Initiative. Grundvoraussetzung ist ein zünftiger Gesellenbrief, du solltest ledig, kinderlos, schuldenfrei und unter 30 Jahre alt sein. Wenn das passt, suchst du den Kontakt zu einer unserer Gesellschaften oder sprichst einen reisenden Gesellen direkt an. Bevor es richtig losgeht, verbringst du meist eine Zeit der „Zureise“ auf einer Herberge, um uns und unsere Bräuche kennenzulernen. Es ist ein großer Entschluss, aber du musst ihn nicht alleine fassen – wir begleiten dich bei der Vorbereitung auf deine Reisejahre.
Auf die Walz gehen: Wie lebt es sich auf Wanderschaft?
Zwischen Baustelle, Freiheit und Kameradschaft. Auf Wanderschaft zu sein bedeutet, jeden Tag aufs Neue zu entdecken, was in dir steckt. Du ziehst in deiner Kluft von Ort zu Ort, immer darauf bedacht, bei Meistern und Betrieben gegen Arbeit und zünftiges Vorsprechen dein Fortkommen zu sichern. Aber du arbeitest nicht nur: Du lernst Menschen kennen, die du sonst nie getroffen hättest, und findest in den Gesellschaften und auf den Herbergen ein Zuhause auf Zeit sowie Reisekameraden, die wie eine Familie für dich werden. Ob du nun beim Bürgermeister um ein Stadtsiegel für dein Wanderbuch vorsprichst, abends mit anderen Gesellen schallst oder dein Handwerk bei einem sozialen Projekt im Ausland einsetzt – kein Tag ist wie der andere. Es ist ein Leben ohne festen Plan, aber voller Begegnungen, bei dem du lernst, dich überall auf der Welt zurechtzufinden.



